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Technische Konzepte für E-Prüfungen: Infrastruktur, Software und Systemauswahl

Technische Konzepte für E-Prüfungen: Infrastruktur, Software und Systemauswahl

Die Einführung digitaler Prüfungen an Hochschulen scheitert selten an der Motivation – sie scheitert häufig an der Technik. Oder genauer: an fehlenden Antworten auf konkrete Fragen. Welche Software ist geeignet? Was braucht die IT-Infrastruktur? Und wie lässt sich ein System einführen, das sowohl Prüfende als auch Studierende zuverlässig unterstützt? Wer diese Fragen systematisch beantwortet, legt den Grundstein für ein funktionierendes E-Assessment-System.

Die technische Basis: Was eine E-Prüfungsinfrastruktur leisten muss

Elektronische Prüfungen stellen andere Anforderungen an die Technik als der reguläre Lehrbetrieb. Während bei einer Online-Lerneinheit ein temporärer Verbindungsabbruch ärgerlich ist, kann er bei einer Prüfung rechtliche und organisatorische Konsequenzen haben. Die technische Infrastruktur für elektronische Prüfungen muss daher auf Ausfallsicherheit, Datenschutz und kontrollierte Zugangsbedingungen ausgelegt sein.

Zentrale Anforderungen auf Infrastrukturebene:

  • Netzwerkstabilität und -kapazität: Prüfungsräume müssen ausreichend dimensionierte WLAN- oder Kabelanbindungen bieten. Bei größeren Kohorten (100+ Prüflinge gleichzeitig) sind dedizierte Access Points oft unumgänglich.
  • Stromversorgung: Genügend Steckdosen oder Steckdosenleisten für Geräteakkus sind ein häufig unterschätzter Faktor.
  • Gerätemanagement: Ob BYOD (Bring Your Own Device), institutionseigene Laptops oder Computerräume – jede Option hat eigene technische Anforderungen und Risikoprofile.
  • Backup-Szenarien: Lokale Offline-Funktionalität der Software oder Papierfallback-Konzepte müssen vorab definiert sein.

Besonders der Kioskmodus – also eine gesperrte Browserumgebung, die nur die Prüfungsanwendung zugänglich macht – ist ein kritisches Element vieler Szenarien. Ohne ihn lassen sich Open-Book-Beschränkungen technisch nicht durchsetzen.

Gängige E-Prüfung Software im Überblick

Lernmanagementsysteme: Moodle und ILIAS

Die meisten NRW-Hochschulen setzen bereits auf ein LMS (Learning Management System) – und genau dort beginnt häufig der Einstieg in E-Prüfungen. Sowohl Moodle als auch ILIAS bieten integrierte Prüfungsmodule, die für viele Anwendungsfälle ausreichen.

Moodle punktet durch seine weite Verbreitung, eine große Community und flexible Aufgabentypen. Das Quiz-Modul erlaubt Multiple Choice, Freitexteingaben, Lückentext und mehr. Die Integration mit dem bestehenden Kurssystem ist nahtlos – Studierende nutzen dieselbe Plattform für Lernen und Prüfen.

ILIAS ist an deutschen Hochschulen ebenfalls stark verankert und bietet mit dem Testermodul ähnliche Funktionalitäten. Besonders im Bereich der Prüfungsarchivierung und des Protokollierens hat ILIAS Stärken, die für Hochschulen mit strikten Dokumentationsanforderungen relevant sind.

Der Nachteil beider Systeme: Sie wurden primär für Lehr- und Lernzwecke entwickelt, nicht für hochsichere Prüfungsumgebungen. Der Kioskmodus etwa muss über externe Tools wie den Safe Exam Browser (SEB) nachgerüstet werden.

Spezialisierte Prüfungssoftware

Für Hochschulen, die Prüfungen mit höheren Sicherheitsanforderungen oder komplexen Aufgabenformaten durchführen wollen, gibt es spezialisierte Lösungen. Diese sind von Grund auf für den Prüfungskontext entwickelt worden.

Questionmark und ExamSoft sind international etablierte Systeme mit umfangreichen Kiosk- und Überwachungsfunktionen. Sie bieten detaillierte Analyse-Dashboards und sind für standardisierte Tests gut geeignet – allerdings mit entsprechenden Lizenzkosten.

Im deutschsprachigen Hochschulraum sind zunehmend auch Eigenentwicklungen einzelner Hochschulen oder Hochschulverbünde im Einsatz. Diese haben den Vorteil, dass sie exakt auf die institutionellen Anforderungen zugeschnitten werden können – allerdings auch den Nachteil höherer Wartungsaufwände und geringerer externer Unterstützung.

Safe Exam Browser (SEB)

Der Safe Exam Browser ist ein Open-Source-Tool, das in Kombination mit LMS-Systemen oder anderen Plattformen eingesetzt wird. Er sperrt den Rechner in einen kontrollierten Modus: Keine anderen Tabs, keine lokalen Dateien, keine externen Programme. SEB ist plattformübergreifend verfügbar (Windows, macOS, iOS) und wird von vielen NRW-Hochschulen als Ergänzung zu Moodle oder ILIAS genutzt.

Die Konfiguration des SEB erfordert technisches Know-how, da Verschlüsselungskeys und Whitelists sorgfältig gepflegt werden müssen. Ein Prüfungsablauf mit SEB muss vorab gründlich getestet werden – insbesondere bei BYOD-Szenarien mit unterschiedlichen Betriebssystemversionen.

Systemauswahl: Kriterien und Entscheidungsprozess

Die Frage „Welche Software ist die richtige?" lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie hängt von institutionellen, didaktischen und technischen Faktoren ab. Folgende Kriterien sollten strukturiert bewertet werden:

1. Vorhandene Systemlandschaft Welches LMS ist bereits im Einsatz? Gibt es bestehende Serverkapazitäten oder Cloud-Affinität? Die Integration in bestehende Systeme spart Aufwand und vereinfacht den Rollout.

2. Prüfungsformate und Fachbereiche Naturwissenschaftliche Prüfungen mit Formelbearbeitung haben andere Anforderungen als Klausuren in den Geistes- oder Rechtswissenschaften. Nicht jede Software unterstützt mathematische Formeleingaben, Zeichenfunktionen oder Programmiereingaben.

3. Prüfungsvolumen und Skalierbarkeit Werden primär kleinere Seminarkurse geprüft oder Massenklausuren mit Hunderten Studierenden? Die Systemlast muss realistisch eingeschätzt werden.

4. Datenschutz und Hosting Gerade im Prüfungskontext gelten strenge Anforderungen nach DSGVO. Cloudlösungen außerhalb des europäischen Wirtschaftsraums sind problematisch. On-Premise-Lösungen oder deutsches Cloud-Hosting sind vorzuziehen. Die Plattform e-teaching.org bietet dazu weiterführende Orientierung für Hochschulen im deutschsprachigen Raum.

5. Support und Community Open-Source-Lösungen wie Moodle haben eine große Community, aber keinen garantierten Support. Kommerzielle Anbieter bieten SLAs – für geschäftskritische Prüfungsprozesse ein relevantes Argument.

Pilotbetrieb und schrittweise Einführung

Kein System sollte ohne Pilotphase in den Regelbetrieb überführt werden. Ein strukturiertes Vorgehen empfiehlt sich:

  • Testlauf im kleinen Rahmen: Zunächst in einer Lehrveranstaltung mit engagierten Lehrenden und freiwilligen Studierenden testen.
  • Technischer Stresstest: Simulation der maximalen Nutzerzahl, Netzwerklasttest, Failover-Szenarien durchspielen.
  • Schulungen: Prüfende, Aufsichtspersonen und IT-Support müssen mit dem System vertraut sein – nicht nur theoretisch.
  • Feedback-Schleifen einbauen: Nach jedem Piloten strukturiert auswerten, was technisch und organisatorisch funktioniert hat.

Ein häufiger Fehler ist, technische Infrastruktur und Softwaresystem getrennt zu planen. Beide müssen aufeinander abgestimmt sein – und beide müssen zum realen Prüfungsgeschehen passen.

Kooperation zahlt sich aus

Die gute Nachricht für NRW-Hochschulen: Viele stehen vor denselben Herausforderungen und haben bereits Erfahrungen gesammelt, von denen andere profitieren können. Die gemeinsame Nutzung von Konfigurationen, Testprotokollen und Evaluationsergebnissen innerhalb des Hochschulnetzwerks spart erheblichen Aufwand. Das Hochschulforum Digitalisierung dokumentiert zudem überregionale Entwicklungen und Praxisbeispiele, die als Orientierung dienen können.

Technische Konzepte für die E-Prüfungsinfrastruktur sind kein Selbstzweck. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass digitale Prüfungen das halten, was sie versprechen: zuverlässig, fair und rechtssicher.